St. Wolfgang

Ist die kleine gotische Kirche von Rabenden wegen ihres Schnitzaltars weithin bekannt, so verdient die Nebenkirche St. Wolfgang der Pfarrei Baumburg aus ganz anderen Gründen unser Interesse. Sie war einmal die letzte Station auf bayerischem Boden des mittelalterlichen Pilgerweges, der von Franken über Velburg in der Oberpfalz, Regensburg und St. Wolfgang bei Dorfen zum größten Wolfgangi-Wallfahrtsort an dem nach dem heiligen Bischof von Regensburg benannten Wolfgangsee im Salzkammergut führte. Wenn man auf der Bundesstraße 304 von Altenmarkt nach Rabenden fährt, sieht man etwa auf halbem Wege schon von weitem auf dem Höhenzug rechts der Straße die kleine gotische Kirche mit ihrem schindelgedeckten Steildach. In ihrer heutigen Form stammt sie aus dem späten 14. Jahrhundert. Nach der Überlieferung wurde die Kirche am 26. Februar 1400 durch Bischof Engelmar von Chiemsee geweiht. Sie war aber ganz offensichtlich nicht das erste Gotteshaus, das an dieser Stelle errichtet wurde.

Der massige Turm aus Steinquadern stammt nämlich noch aus dem 13. Jahrhundert, wie der spätromanische Bogenfries und die Klangarkaden unter dem originellen Turmdach beweisen. Die Wallfahrtslegende reicht noch viel weiter zurück und behauptet, hier habe schon im 10. Jahrhundert eine Kapelle gestanden, in der einst Bischof Wolfgang Rast gemacht und gepredigt habe. Im 14. Jahrhundert muß jedenfalls bereits ein reger Wallfahrtsbetrieb geherrscht haben, denn sonst hätte das Stift Baumburg wohl kaum neben der Kirche ein kleines Priesterhaus gebaut und dort einen Benefiziaten angesiedelt, wie einer chronikalischen Notiz aus dem Jahre 1409 zu entnehmen ist. Obwohl die Kirche wiederholt umgestaltet wurde, dominiert im schlichten Innenraum immer noch die Gotik.

Es wurden auch bei der Barockisierung um das Jahr 1720 die gotischen Kreuzgewölbe beibehalten, denen man nur die Rippen abschlug. Über das ganze Kirchengewölbe zog damals ein unbekannter Meister aus der Wessobrunner Stukkatorenschule ein feines, weitmaschiges, gelblich und rosa getöntes Rankenwerk aus Gips. Aus derselben Zeit stammen die beiden Seitenaltäre aus Stuck. In der Mitte des barocken Hochaltars thront die Figur des heiligen Wolfgang. Noch von der gotischen Kirchenausstattung stammt eine Darstellung der Beweinung Christi durch Maria an der linken Chorwand, eine Steingußplastik im Stil der Schönen Madonnen. Als Pendant dazu finden wir an der rechten Chorwand eine barocke Figur der Mater gloriosa, der Gottesmutter mit dem Jesuskind. Von den einst wohl sehr zahlreichen Votivbildern haben nur wenige die Zeit der Aufklärung und der Säkularisation überdauert.

Hingegen vermitteln die Tafelbilder an der Emporenbrüstung mit Szenen aus der Wolfgangslegende den ganzen Reichtum volkstümlicher Phantasie vergangener Zeiten. Noch mehr aber erinnert ein seltsames Steingebilde vor den Stufen zum Hochaltar an das gläubige Vertrauen, das man hier jahrhundertelang dem heiligen Wolfgang entgegengebracht hat. Es ist eine niedrige, dreiteilige Brüstung aus rotem Marmor, in die folgende barock verschnörkelte Inschrift eingemeißelt wurde: "Wahrer Ort und Merkhmal so allhier H. Bischoff Wolffgangus in einer Durchreiß bey genohmener Rasst in den Stein als ein Zeichen unterlassen hat." Diese Brüstung umschließt einen Felsbrocken im Kirchenboden mit seltsamen Schrunden und Löchern.

In der rechten Seitenwand der Balustrade ist über dem Boden ein halbkreisförmiges Loch, durch das ein schlanker Mensch gerade noch kriechen kann. Es ist ein sogenannter Schlupfstein, der nach altem Volksglauben jedem Pilger bei Kreuzschmerzen half, wenn er hindurchkroch. Ein weiterer Steinblock mit Vertiefungen befindet sich in der Vorhalle der Kirche im Turm-Erdgeschoß. Ähnliche Steine gibt es auch in anderen dem heiligen Wolfgang geweihten Wallfahrtskirchen. Sie stehen in einem engen Zusammenhang mit der Wolfgangslegende, die berichtet, daß sich der Heilige eines Tages als Bußübung die Hände an einem Felsen blutig schlagen wollte, wobei der Stein wie Wachs nachgegeben habe, so daß Vertiefungen in diesem Stein entstanden seien. Von den vielen Wallfahrerzügen der Vergangenheit blieb nur einer bis heute bestehen: Die im Jahre 1675 wegen einer Viehseuche gelobte Fußwallfahrt der Pfarrei Aschau wird noch jedes Jahr an Pfingsten durchgeführt. Sonst aber ist es still geworden in der kleinen Wallfahrtskirche. Auch die Fußwallfahrt aus Überackern im oberösterreichischen Innviertel, die seit 1680 jedes Jahr stattfand, ist inzwischen erloschen.