Die Rabendener Kirche

Wer mit dem Auto auf der Bundesstraße 304 von Altenmarkt in Richtung Wasserburg fährt und das früher selbständige, jetzt zur Gemeinde Altenmarkt gehörende Dorf Rabenden passiert, dem fällt linker Hand hinter dem Wirtshaus die kleine Kirche mit dem etwas zu hohen und spitzen neugotischen Turm nicht weiter auf. Von außen ist sie ein ziemlich unscheinbarer Bau aus unverputzten, dunkelgrauen Nagelfluhblöcken. Weiß man nicht von vornherein, welch kostbaren Schatz diese zur Pfarrei Baumburg gehörende, dem Apostel Jakobus dem Älteren geweihte Filialkirche birgt, dann verlockt sie wohl kaum zu einem Besuch. Wer trotzdem anhält, dem wird die erste Überraschung bereits zuteil, wenn er durch das Friedhofstor tritt. Vor ihm breitet sich ein Gottesacker mit lauter schmiedeeisernen Grabkreuzen von einer gestalterischen Einheitlichkeit, wie man sie in Oberbayern sonst nur noch selten findet. Dann öffnet sich die alte Kirchentüre mit den massiven gotischen Beschlägen zu einem künstlerischen Erlebnis, das einmal der große Essayist Josef Hofmiller in dem Satz zusammengefaßt hat:
Aus dem unscheinbaren Kirchlein geht man erquickt hinaus wie nach einem Bad. Der um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene Kirchenraum tut sich mit seinem reichverästelten Netzrippengewölbe vor dem Betrachter auf, und trotz des etwas die Sicht verdeckenden schmiedeeisernen Abschlußgitters fesselt sofort der kunstvolle Schrein des spätgotischen Hochaltars unsere Aufmerksamkeit. Wir kennen bis heute nicht den Namen des Künstlers, der ihn geschaffen hat. Dieser Altar gilt als sein einziges vollständig erhaltenes Hauptwerk, weshalb man den unbekannten Bildhauer den "Meister von Rabenden" nennt, obwohl er hier nie gelebt und gewirkt hat. Während früher angenommen wurde, der Künstler habe wohl in Rosenheim seine Werkstatt gehabt, deuten die neuesten Forschungen auf einen in München seßhaft gewesenen Bildhauer von großer Gestaltungskraft hin. Neben Hans Leinberger war er wohl der bedeutendste Plastiker des frühen 16- Jahrhunderts im altbayerischen Raum.

Sein Altarwerk in Rabenden ist ein spätgotischer Flügelaltar von vollendeter Harmonie und reichster Ausstattung. Über der rotmarmornen Mensa trägt die hölzerne Predella den nach oben zu kielbogenartig geschlossenen Mittelschrein, an dem rechts und links jeweils ein Standflügel und ein Drehflügel befestigt sind, so daß der Schrein geschlossen werden kann. Über dem Schrein wächst das in drei Türmchen endende Gesprenge, dem ein Kruzifix und zu beiden Seiten die Figuren der trauernden Gottesmutter und des Apostels Johannes eingefügt sind, bis ins Gewölbe hinauf. Die Predella ist in der Mitte mit zwei Schiebetüren ausgestattet, die Bilder des Schmerzensmannes und der Schmerzensmutter schmücken. Ihnen schließen sich zu beiden Seiten Engelsdarstellungen an, unter denen die Namen der Stifter des Altares genannt werden: Propst Georg Dietrichinger von Baumburg und sein Chorherr Gabriel Giessenperg, Pfarrer in Truchtlaching. Da Propst Dietrichinger im Jahre 1515 gestorben ist, muß der Altar spätestens zu diesem Zeitpunkt vollendet gewesen sein. Die Gemälde der Altarflügel zeigen in geschlossenem Zustand in der Mitte die vier Kirchenväter, links außen St. Sebastian und St. Georg, rechts außen St. Florian und St. Jakobus den Älteren. Klappt man die beiden Drehflügel zurück, dann werden Szenen aus dem Marienleben sichtbar. Auch die Rückseite des Hochaltars ist vollständig bemalt. Christus ist dort als Weltenrichter dargestellt, flankiert von Engeln und Heiligen.

Sind schon die Bilder originelle, detailreiche Malereien von überdurchschnittlicher Qualität, so werden sie noch weit übertroffen von den drei großen Apostelfiguren im Altarschrein unter dem reich verästelten und verschnörkelten Holzbaldachin. In der Mitte steht der Kirchenpatron St. Jakobus der Ältere, zu seiner Rechten St. Simon und zu seiner Linken St. Judas Thaddäus. Ihre Gesichter sind von lebendiger Individualität und hoher Ausdruckskraft erfüllt. Auch der rechte Seitenaltar, mit der Figur des heiligen Eustachius im Mittelschrein, einer Christus-Salvator-Skulptur im Gesprenge und Bildern der Vierzehn Nothelfer an den Altarflügeln, dürfte in der Werkstatt desselben Meisters entstanden sein. Der linke Seitenaltar hingegen wurde erst im 19. Jahrhundert als Pendant dazu geschaffen. Die Madonna im Mittelschrein ist eine gute Arbeit des 16. Jahrhunderts. Wohl ebenfalls aus der Werkstatt des Meisters von Rabenden stammen das Vesperbild und die Figur des heiligen Jakobus d. Ä. an den Langhauswänden der Kirche.