Man wird unruhig über die alarmierenden Gerüchte vom Herannahen der amerikanischen Panzerspitzen. Viele Soldaten kommen durch Altenmarkt. Manche schlagen sich seitwärts und verstecken sich auf einsam gelegenen Bauernhöfen. Eine Autokolonne braucht von Obing nach Altenmarkt wegen Verstopfung der Straße die ganze Nacht. Die Fahrzeuge fahren in 3er- und 4er-Reihen. Im Kaffee Anwander ist eine Offiziersentlassungsstelle, bei Strasser (Alzgruppe) eine Frontleitstelle, in einem Zimmer des Schulhauses liegt ein Feldgendarmerieposten. Am 2. Mai nachmittags zieht der Pionierstab an nach Inzell. Bald darauf kommt ein Brückensprengkommando von 1/21 unter Führung eines techn. Inspektors. Dieser hatte direkten Befehl zur Sprengung und hatte sein Arbeitszimmer im Gastzimmer des Gasthauses "Zur Post". Die Brücken werden bewacht, die Bevölkerung wird aufgeregt, oft kommen Leute zu mir und melden dies und das. Soll denn wirklich noch gesprengt werden? Das wäre ja heller Wahnsinn! Ich gehe zur Wasserburger Brücke und spreche mit dem Posten. Gottlob sind Österreicher dabei, mit denen kann man reden und vielleicht etwas Eindruck schinden.
Bei der folgenden Unterredung mit dem Inspektor meint dieser: Die Brücken werden gesprengt. Ich lüge: Das hat Oberst Kühn verboten.
Inspektor: Das ist mein Vorgesetzter. Wo ist er?
Ich: In Richtung Traunstein weiter, er hat sich bei mir nicht abgemeldet. (Daß er nach Inzell ist, sage ich wohlweislich nicht, denn er soll nur gesucht werden. Zeit gewonnen, alles gewonnen!) Meine Uniform und mein Auftreten machen den Inspektor stutzig, er besinnt sich und fährt zur Armee, seinem Oberst nach. (Die Ereignisse spielten sich innerhalb weniger Stunden ab. Ich ziehe meine Uniform wieder aus).

Am Abend des 2. Mai bewirten wir das Sprengkommando bei Dr. Dietl mit Kalbsbraten, (das Fleisch spendete Gastwirt Benno Baumgartner), Kartoffeln, Bauernbrot, Wein und Schnaps, lauter rare Dinge. Dafür bekommen wir das Versprechen, daß der Volkssturm die Brückensprengung übertragen bekommt. Elektromeister Peter Meier wird eingeweiht und erklärt sich sofort bereit, durch Abschneiden der Leitungsdrähte einen Sabotageakt zu inszenieren. 14 entlassene Offiziere, welche in Baumburg sitzen, stellen sich zur Verfügung. Hptm. Scholz von der Muna Hörpolding sagt durch einen Leutnant auch Hilfe zu. Es wird ein Plan besprochen, der unter allen Umständen eine Brückensprengung verhindern soll, notfalls durch Überwältigung des Sprengkommandos (Major Grothe sagt: Wir werfen die Sprenger in die Alz). Die Muna-Belegschaft sollte telephonisch herbeigeholt werden. Leitung des ganzen Unternehmens liegt bei mir. Bürgermeister Wurm geht sichlich zusammen, es lasten zu viel Arbeit und Sorgen auf seinen Schultern; der Mann hat sich wirklich für seine Gemeinde geopfert; ich kann das am besten bezeugen, weil er in diesen Tagen immer mit seinen Nöten zu mir kam. Als alter Soldat erkannte er, daß Altenmarkt ein strategisch ungemein wichtiger Ort war.

In der Nacht vom 2. auf 3. Mai wurde ich nicht geweckt. Am Morgen lief ich zur Alzbrücke, zum Gasthof "Zur Post" - kein Sprengkommando war mehr zu sehen; es rückte in der Nacht unbemerkt ab. Es wird ruhiger. Die deutschen Truppen sind fort oder halten sich versteckt. Am Auerberg ist (schon seit mehreren Wochen) eine sogen. Katastrophenkompanie (aus Berlin) mit ihren Spezialfahrzeugen. Im Buchenwald hört man Maschinengewehrschüsse; nach einer Meldung von Herrn Josef Weinberger, Platzmeister bei Erl, ist es HJ., Westmarkjungen, welche von der SS mitgenommen und am Gewehr ausgebildet werden. Soll jetzt durch irregeleitete Jungen der Ort noch zusammengeschossen werden? Im Ort stehen 2 Panzer. Um nicht den Anschein einer Verteidigung zu erwecken, sollen sie weg. Der Panzerführer weigert sich, Oberst v. Kolbe (auch in Baumburg) hilft mir. Der Oberst befiehlt mir weiter, die Übergabe des Ortes zu leiten. Der Standortälteste bestimmte also mich für die heikle Arbeit, der Bürgermeister wollte aber den Ort selbst übergeben. Der Panzer kommt auf die Wiese zwischen Vorder- und Hintereck, gerade so weit hat der Sprit noch gereicht. Bald darauf kommt ein amerikanischer Aufklärer und gleich darauf die Panzerspitze; sie hält vor der Wasserburger Brücke. Bürgermeister Wurm, der auf Posten stand, lief schnell heim, seinen Hut zu holen und vielleicht eine Abordnung zusammenzustellen; dabei gingen kostbare Minuten verloren. Der amerik. Flieger sichtet die Fahrzeuge am Auerberg und funkt seine Beobachtung herunter zu den Panzern. Im Buchenwald hört man MG-Schüsse. Also kommen die Feinde zur der Annahme, daß Altenmarkt verteidigt wird. Ca. 10 leichte Schüsse werden gegen Baumburg abgefeuert (Beschädigungen am Kirchturm, an einigen Bäumen an der Brauerei Dietl und 2 Tote).

Ohne daß etwas besprochen war, begebe ich mich auf die menschenleere Straße, um nach der Bedeutung der Schüsse zu fahnden, treffe auf Schreinermeister Meier, der sich mir anschließt und werden am Marktplatz vom Ortsgruppenleiter Erdl mit den Worten empfangen: Schnell, die Amerikaner sind schon lange da; da draußen warten sie. Ich darauf: Dann gehen wir schnell hinaus. Als wir drei, Hauptschriftleiter Karl Erdl, Schreinermeister Georg Meier und ich eilig der Waaserburger Brücke zugingen, zeigten sich schon einige Leute, die sich anfänglich versteckten, unter der Haustüre und an den Fenstern, Bäckermeister Schneeweis knipste uns sogar (Leider ging der Film mit dem Apparat durch die Amerikaner verloren), ungefähr bei Färberei Daxenberger läuft uns Obstltn. Graham nach, stellt sich vor und bietet sich als englischer Dolmetscher an. Auf seine Frage nach dem Übergabetext kläre ich ihn kurz auf: Der Ort heißt Altenmarkt. Er wird nicht verteidigt. Es sind keine Truppen hier. Wir bitten um Schonung für die Bewohner.

Wir kommen zur Brücke. Drüben stehen die Panzer. Vor der Spitze stehen ein amerik. Offizier und 2 Mann. Als sie uns kommen sehen, legen sie ihre MP an. Obstltn. Graham reißt seine Hände hoch, wir machen es ihm nach. Bevor die Übergabe beginnt, geht ein Amisoldat auf den Dolmetscher hin und nimmt ihm seine Armbanduhr ab, was diesen sichtlich irritiert. Das ist ein deutscher Offizier nicht gewohnt. Die Unterhaltung beginnt; sie wird im Ton ziemlich scharf geführt. Wir verstehen nichts; nur ein Wort fällt mir auf: Der Amerikaner fragt nach dem Bürgermeister. Schnell antwortet Erdl Karl, der die weiße Fahne trägt: Ich bin sein Stellvertreter. All right! Wir verstehen auch wieder. Der Dolmetscher hilft uns sehr. Wir bekamen Befehl zur Kehrtwendung, marschieren voraus, hinter uns gehen die Amerikaner, immer noch mit der MP im Anschlag. Sie trauen uns noch nicht. Dann folgt eine große Anzahl bestarmierter Panzer und Jeep als sog. Kolonnenhunde. Wenn nur jetzt keine Schüsse fallen, denn wir meldeten ja, daß hier keine Kampftruppen seien. Ich erkenne die Lage und flüstere sie Meier zu. Am anderen Ende der Brücke steht nun der Bürgermeister, noch außer Atem vom schnellen Lauf und meldet mit dem Hut in der Hand in militärisch strammer Form. Ich wende mich zum Amerikaner um und kläre auf:

Das ist der Herr Bürgermeister worauf die Pistolen von der Schießstellung abgeschlagen werden. Wir marschieren durch den Ort. Vor dem Schulhaus wird halt gemacht. Die Amerikaner schreien sich erfreut zu ob der glücklichen Einnahme des wichtigen Ortes. Der Führer der Amerikaner verlangt schreiend von seinem Panzer herunter, die im Ort anwesenden deutschen Soldaten müssten sofort kommen. Diese kommen zögernd herbei. Die ersten sind die 0ffiziere, welche bei Reisberger im Quartier lagen, ohne Koppel; sie erweisen sich gegenseitig den alten deutschen Soldatengruß durch Handanlegen an die Mütze. Das war für mich das einzig Befriedigende an der ganzen schmachvollen Episode. Weil es dem amerik. Führer zu langsam ging, droht er einige Häuser der Umgebung zusammenzuschießen. Das wertete ich gleich als eine leere Drohung, denn mitten im engen Ort schießt man nicht aufs nächste Haus. Meine Antwort: Es sind noch Offiziere in Baumburg, welche persönlich geholt werden müssen, da die telephonische Leitung gestört ist (was auch stimmte).

Allmählich werden es über 100 deutsche Soldaten, welchen alle Taschen durchsucht werden; wertvolle Dinge wie Ringe, Uhren, Photoapparate usw. werden konfisziert. Im Schulgarten wird gelagert. Es ist kalt. Immer wieder kommen Soldaten. Es werden 200. Obstltn. Graham schlägt den amerikanischen Posten vor, die Gefangenen ins Haus zu lassen, da könnten sie besser bewacht werden. Die Leute dürfen nun ins Schulhaus und belegen es von unten bis oben; im Keller, im Speicher auf den Treppen liegen sie, in Küche und Wohnzimmer meiner Wohnung kampieren die Offiziere. Ich stifte meine letzten Flaschen Schnaps, welche ich kurz vorher von Herrn Hans Dietl käuflich erwarb. Wertvolle Dinge, die dem Zugriff der Feinde entgingen, werden mir übergeben mit der Bitte um Aufbewahrung. Am andern Tag kamen die Gefangenen wieder ins Freie und wurden vom D.R.K. Ortsgruppe Altenmarkt verpflegt. Die Waffen mussten alle an der Nordseite des Schulhauses abgelegt werden. Ich weiß heute noch nicht, wohin die 20 Karabiner italienischer Bauart des Volkssturms kamen. Die eine Panzerfaust der Altenmarkter Kompanie hat Kompanieführer Meier, vom Kurs in Milowitz bei Prag zurückkommend, vor Wochen schon in seinem Büro abgefeuert, damit kein größerer Schaden mit ihr angerichtet werden konnte.

Diese Heldentat wurde von bösen Menschen falsch gewertet und brachte ihm zu Unrecht den Spott des ganzen Bezirksamtes zu. Am 4. Mai früh 6,oo Uhr fuhr ich mit dem Rad nach Weiglpoint und holte einen Teil des Verpflegslagers von Hptm. Fischer, das mir dieser für die Gefangenen zur Verfügung stellte. Auf dem Weg dorthin wurde ich von der Hauptstraße her mit Gewehrfeuer beschossen, denn in Weiglpoint in der Traunsteiner Straße nächtigte die Panzerspitze und von einer Polizeistunde war mir nichts bekannt. Die Panzer fuhren auch von der Straße weg querfeldein und zerstörten stark die Felder. Am 4. Mai zogen diese Truppen wieder ab und es kamen andere, welche viele Einwohner aus ihren Wohnungen ausquartierten. Auch wir mussten das Schulhaus räumen, bezogen es aber nach 4 Tagen wieder, als eine andere Truppeneinheit kam. Dabei wurde der Schule der wertvolle Filmapparat, den ich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, entwendet. Es waren keine schönen Tage. Gottlob kann man Unangenehmes schnell vergessen.

Mein lieber Chronist! Ich habe geschrieben, was ich beoabachtet. habe. Es ist nicht wertvoll, vor allem nicht erschöpfend. Andere wissen vielleicht mehr. Ich war jedenfalls bemüht, objektiv zu sein. Wenn Du diese Zeilen verwerten kannst, soll es mich freuen. Kommen sie Dir dagegen zu einfältig oder einseitig vor, dann wirf sie ins Feuer. Du befreist damit von einem gewissen inneren Druck und von einem unangenehmen Gefühl

Dein Berichterstatter
Josef Oberndorfer
 

 

 

 

« vorherige Seite