Der 2. Weltkrieg
Text: Josef Oberndorfer

Altenmarkt/Alz, den 28. Juni 1967
(Johann Egner) Gemeindeoberinspektor Beitrag zur Chronik von Altenmarkt/Alz:

Der Ablauf historischer Tage in Altenmarkt/Alz (Obb.)

Auf Drängen des Herrn Bürgermeisters Franz Wimmer, der den Einmarsch der Amerikaner 1945 in Altenmarkt für spätere Zeiten festhalten will, lege ich diese kurzen Aufzeichnungen nieder und betone ausdrücklich, daß sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben; sie sollen durch Beobachtungen und Erfahrungen anderer ergänzt werden. Es sind die geschichtlichen Ereignisse, wie ich sie mit meinen Augen gesehen habe. Volkssturmkompanieführer Georg Meier will diese Notizen durch Festlegung von Einzelheiten ergänzen (Ich greife etwas weiter zurück).

Im Oktober 1944 wird die gesamte männliche Bevölkerung vom Wehrbezirkskommando zum Kriegsappell einberufen. In Altenmarkt findet dieser am Kirchweihsonntag im Saal des Gasthofes "Zur Post" statt. Leiter ist befehlsgemäß Hptm. Oberndorfer Josef. Im November 1944 entsteht aus den Kriegsappellen der Volkssturm; die Zusammenkünfte sind nicht mehr monatlich, sondern wöchentlich in Form von militärischen Unterweisungen und Übungen zum Zwecke der Verteidigung der Heimat (,,Das Volk soll erwachen"). Der Volkssturm soll später bewaffnet werden. Zum Batl. Altenmarkt gehören die Komp. Altenmarkt (mit 5 Zügen), St. Georgen/Stein, Truchtlaching/Seebruck, Muna und am Anfang als 5. Kp. Traunwalchen/Matzing/Kammer; letztere wird nach 1/4 Jahr einem neu gebildeten (2.) Traunsteiner Batl. zugeteilt. Batl.Führer: Oberndorfer Josef, Altenmarkt. Neben der militärischen Ausbildung ist eine weitere Aufgabe der Ausbau und die Befestigung wichtiger Punkte, das Anlegen von Schützenlöchern, -graben, Panzersperren, die Vorbereitung von Brückensprengungen.

Der Volkssturm unterstand der Partei und bekam seine Befehle vom Kreisstabführer (Major Mühlbauer in Traunstein). Ende März 1945 kommt als militärischer Berater und Verbindungsmann zum Militär ein Leutnant Uther vom Ers.Batl. Traunstein; dieser betreut neben dem Batl. Altenmarkt auch die 2 Trostberger Batl. Der Bau der Befestigungsanlagen wird nun mit aller Macht betrieben. Im April 1945 meldet sich auch ein Pionierfeldwebel bei mir, bestimmt Sprengungsart und Sprengstellen der einzelnen Brücken und berechnet die Größe der Sprengladung. Die Lage wird immer ungemütlicher: Auf der einen Seite das unaufhörliche Vordringen der amerikanischen Massen, das langsame Zurückgehen der äußerst schwachen deutschen Front und das zermürbende Bombardement der deutschen Orte (auch in Traunstein und Trostberg fielen Bomben und kosteten viele Todesopfer), auf der anderen Seite die Befehle der Partei, welche ein klares Beurteilen der tatsächlichen Lage vermissen ließen. Daraus entwickelte sich der ungesunde Zustand: Die Befehle kamen von Traunstein zum Batl., von da gingen sie schriftlich weiter an die Kompanien, wurden dann mündlich (manchmal ins Gegenteil) korrigiert.

So kam einmal der Befehl: Panzersperren sind auf jeden Fall zu verteidigen. Der Befehl ging weiter, ich fügte aber einen Satz aus einem früheren G.Kdo-Befehl an, der ein Verteidigen ohne genügende Bewaffnung usw. als nutzlos bezeichnete. Die Kompanieführer hatten einen schweren Stand; sie mussten wegen des (absichtlichen) langsamen Vorwärtsschreitens der Befestigungsanlage Begründungen suchen, wie: Die Leute sind nach Arbeitsschluß nicht mehr arbeitsfähig oder die Bäume zur Baumsperre sind angezeichnet und können in wenigen Minuten gefällt und sperrmäßig gelegt sein oder es ist nirgends ein Steinbohrer aufzutreiben (zum Anbohren von Brücken).

In der Nacht vom 27. auf 28. April kommt ein Gemeinkurier (Hptm.) der Muna Hörpolding mit der Weisung, daß der Ort Altenmarkt zum Sperrgebiet der Muna gehört und daß Kampfhandlungen hier nicht stattfinden dürften. Ich atme auf. Zwar liegen die Brücken außerhalb dieser Schutzzone, aber auch dafür wird sich ein Ausweg finden.

Ende April kommt ein Quartiermacherkommando nach Altenmarkt und beschlagnahmt Unterkünfte für einen Pionierstab; der Oberleutnant wundert sich, daß hier noch Schule gehalten wird. Jetzt kam die Front. Ich beendete den Schulbetrieb in allen Klassen und ließ sämtliche Schulmöbel (Bänke, Tafeln, Pulte usw.) in den Speicher des Schulhauses schaffen. Viele Leute halfen freiwillig. Am 28. April war der letzte Unterricht, am 29. April war Sonntag, am 30. April nachmittags kam der Pionierstab der 1. Armee. Der Armeepionierführer (APiFü), Oberst Kühn, war ein kleiner, sehr rühriger und aktiver Mann. Ein Vorkommando zur Brückensprengung kommt; die beiden Dienstgrade führt der Bürgermeister Josef Wurm zu mir. Die Sprengung wird mit einer Ausrede von mir abgelehnt (ein sehr gefährliches Beginnen bei der Anwesenheit des APiFü); die beiden gehen wieder. Ich wurde nun beim Oberst vorstellig und erstattete Meldung von dem Geheimbefehl, den ich auf die Brücken ausdehnte.

Der Oberst war sehr aufgeregt: Zeigen Sie mir den Befehl!
Ich: Der wurde mir mündlich gegeben.
Oberst: Ob und was gesprengt wird, bestimme ich, d.h. der böse Feind (wörtlich).
Ich: Ich wollte nicht in den Kampfverlauf eingreifen, sondern betrachte es als meine Pflicht, Herrn Oberst von dem Befehl zu benachrichtigen.

Der Oberst sprach dann von dem internationalen Abkommen über die Herstellung und Lagerung von Giftgasen und über die Meldepflicht sämtlicher Kriegführenden. Er wollte funktelegraphisch in Genf anfragen. Mir war nun nicht mehr recht geheuer. Wenn nur bald die Amerikaner kämen! Die ganze Kriegführung kam mir so sinnlos vor. Soll denn in den letzten Kriegstagen unsere Heimat noch zerstört werden? Ich wurde nochmal vorstellig. Diesmal ging Ortsgruppenleiter Erdl Karl mit. Der Oberst sagte u.a.: Wer sich widersetzt, wird erschossen (Dabei führte er Beispiele an in Starnberg usw., die sich bei späterer Nachforschung als unrichtig erwiesen). In Bayern hat man keine Ahnung von Nationalsozialismus. Ich habe alles verloren, bin ausgebombt, meine Frau verwundet, eine Tochter schwer verletzt und ich stehe hier und tue meine Pflicht! Ein Saustall, daß man nicht früh genug die weißen Fetzen heraushängen kann (Dabei spielte er darauf an, daß Ortsgruppenleiter Erdl am 2. Mai von sich aus den Befehl zum Niederreißen der Panzersperren gab und daß sich schon hin und wieder weiße Übergabefähnchen an den Häusern zeigten).
 

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